Freiheitsgefühl

Freiheitsgefühl ist der Wahnsinn. Für seine Freiheit kann nur das Individuum selbst sorgen. Kein Staat dieser Welt kann das schaffen. Im Gegenteil, Staaten schränken Freiheiten ein.
Alexander Sixel/ pixelio.de

Irgendwann im Jahr 1991 überkam mich umfassend ein wahnsinniges Freiheitsgefühl. Mir wurde schlagartig bewusst, dass ich die DDR hinter mir gelassen hatte.

Im Osten Deutschlands aufgewachsen, vermeinte ich durchaus, dass ich frei wäre. Dabei wurde meine Familie, sowohl meine Eltern als auch später meine eigene, turnusmäßig von der Staatssicherheit überprüft. Diese Überprüfungen waren uns bekannt, weil sowohl kontaktierte Kollegen als auch Nachbarn uns davon erzählten. Ich nahm es leicht, war ich doch nichts anderes gewohnt. Ich war tatsächlich die ganzen Jahre davon überzeugt, dass diese Art der Überwachung keinen Einfluss auf mich ausübte. Das galt bis zum Ende der DDR 1990.

Nachdem eine sehr lebendige und schnelllebige Zeit, auch beruflich, vorbei war, überkam mich dieses wahnsinnige Freiheitsgefühl in 1991. Mir wurde bewusst, dass durchaus die Erkundigungen durch die Staatssicherheit bei mir etwas bewirkt haben. Unterbewusst führte ich eine Selbstzensur durch. Obwohl ich sicher zu den kritischen Menschen gehörte (die SED- Kreisleitung schätzte mich offiziell als eigensinnig ein), geschah mir nichts und ich vermeinte, mich frei zu fühlen. Ich konnte ja meine Meinung laut äußern. Das tat ich zwar, aber mein innerer Zensor setzte mir dennoch Grenzen. Ich lotete diese Grenzen durchaus aus, ging aber unbewusst nie darüber hinweg.

Und plötzlich spürte ich in 1991, dass der innere Zensor weg war. Durch die äußeren Veränderungen (Staatssicherheit weg), hörte mein Unterbewusstsein auf, alle meine Gedanken zu zensieren, was natürlich auch ständige Anspannung bedeutete, die mir allerdings nicht bewusst war. Der Wegfall des inneren Zensors führte zu einem herrlichen Feiheitsgefühl und zu einem Gefühl des wachsenden Bewusstseins für mich. Ich lebte den jüdischen Freiheitsbegriff, der die Flucht aus Ägypten als Weg in die Freiheit charakterisiert. Ich war zwar nicht geflohen, aber meine Lebensumstände hatten sich gravierend verändert. So fühlte ich mich tatsächlich, als wäre ich gerade aus Ägypten ausgezogen.

Mein Freiheitsgefühl in der Bundesrepublik

Dieses jüdische Freiheitsgefühl setzte bei mir auch Energie frei. So wechselte ich 1992 meinen Arbeitsplatz, von einer Führungsposition in eine andere. Ich wurde Personal- und Organisationsleiterin. Die Anfangszeit war sehr schwer, weil das Unternehmen erst einmal verschlankt werden musste. Das geschah durch Auslagerung von Firmenteilen und Kündigungen, mit Abfindungen begleitet. Parallel dazu hatte ich als Organisationsleiterin die Einführung der Personalcomputer im gesamten Unternehmen zu organisieren, alle Mitarbeiter entsprechend zu qualifizieren. Eine Kraftanstrengung, die ich mit meinem Elan ohne Probleme meisterte. An Politik war ich interessiert, es tangierte mich allerdings kaum. Erst später engagierte ich mich wieder im Rahmen der Kommunalpolitik, was ich auch in der DDR machte.

Und dann kam Wolfgang Schäuble 2005 als Innenminister! Ich war gerade dabei, meine Tätigkeit im Umweltministerium Mecklenburg- Vorpommern zu beenden. Dort hatte ich einige Zeit lang das Ministerbüro geleitet.

Diskutiert wurde die Vorratsdatenspeicherung, für die sich Schäuble politisch einsetzte. Schließlich gebrauchte er die Worte: “Wer sich nichts zu schulden kommen lässt, hat auch nichts zu befürchten.” Kaum gehört, wurde mir eiskalt zumute, ich bekam eine Gänsehaut. Diese Worte benutzte auch die Staatssicherheit gern zur Beschwichtigung der Menschen. Und nun hörte ich sie wieder in einem Land, in dem ich mich sehr frei und dadurch besonders lebendig fühlte. Sofort begriff ich, was das bedeutete, für mich wie für die anderen Bürger des Landes. So ein Gesetz der Überwachung löst allein schon durch seine Existenz Reaktionen unseres Unterbewusstseins aus. Auch wenn erst einmal nur prophylaktisch Daten gespeichert werden, besteht doch ständig die Möglichkeit für die Ermittlungsorgane, sie zu benutzen. Und die bestehenden elektronischen Möglichkeiten gestatten eine Nutzung und Auswertung, wie sie die Staatssicherheit niemals hatte. Sie war gegenüber der Gegenwart ein Waisenknabe.

Dieses Wissen setzt dann bei den Bürgern den inneren Zensor in Kraft. Der will mich davor schützen, etwas zu verlautbaren oder zu tun, was möglicherweise zu einer Überwachung mit Hilfe meiner gespeicherten Daten führt. Die Menschen werden vorsichtiger, auch im Umgang untereinander. Die Meinungskontrolle durch das Unbewusste führt zu Anspannung bis hin zu Verspannungen. Die Leichtigkeit des Lebens geht verloren. Das Freiheitsgefühl schwindet. Und das bereits zu einem Zeitpunkt, wo dem Individuum noch gar nichts seitens der Staatsorgane passiert ist.

Es gab zwar Widerstand gegen die Vorratsdatenspeicherung, aber das deutsche Volk blieb im Wesentlichen stumm. Das konnte ich gar nicht verstehen. Ich analysierte dann, dass mein Unbehagen wohl mit meinen DDR- Erfahrungen zu tun hat. Den Westdeutschen fehlte überwiegend so eine Wahrnehmung, was sie kritikloser machte.

Freiheitsgefühl durch Selbstverwirklichung

Jetzt brachte mich mein jüdischer Freiheitsbegriff in Schwierigkeiten. Wo sollte ich hinlaufen, wohin entfliehen, um dem Damoklesschwert der Vorratsdatenspeicherung zu entkommen? Ich wollte weiter frei sein ohne unbewussten inneren Zensor. Also begann ich darüber nachzudenken, was für mich Freiheit bedeutet. Dabei war ich zunächst auf Konfrontationskurs zur herrschenden Politik. Ich vermeinte, etwas tun zu müssen, was die Vorratsdatenspeicherung verhindert. Doch das befriedigte mich nicht. In mir reifte die Erkenntnis, dass kein Staat dieser Welt mir wirklich Freiheit geben kann. Er nimmt sie mir eher. So kam mir zu Bewusstsein, dass nur ich selbst mir zur Freiheit verhelfen muss. Das war für mich ein wichtiger Schritt auf dem Weg der Selbstverwirklichung.

Selbstverwirklichung bedeutet zuerst Bewusstmachung. Indem ich mir bewusst mache, was unbewusst bei mir passiert z.B. durch Überwachung oder Androhung von Überwachung, ist das ein großer Schritt in Richtung Freiheit. Das Unbewusste kann mich dann nicht mehr beherrschen und einschränken.

Mir begegnen immer wieder die Freiheit einschränkende äußere Beeinflussungen. So wurde ich von Facebook verwarnt wegen eines Aktfotos. Bei mir läuft es unter Kunst, bei Facebook offenbar schon unter Pornografie. Die prüden Amis eben. Facebook lässt echte Rassisten und Nazis ungestraft, sperrt aber Menschen, die gegen solche Rassisten und Nazis zu Felde ziehen. Da wehrt sich natürlich mein soziales Empfinden. Doch ich bleibe bei Facebook, weil ich mir die Mechanismen klar machte und den unbewussten Zensor zum Schweigen bringe, indem ich bewusst die Regeln befolge. Freiheitseinschränkung? Nach jüdischem Freiheitsbegriff sicher.

Nach meinem neu gewonnenen Freiheitsbegriff nicht, weil mich die Bewusstmachung weiter bringt auf dem Weg der Selbstverwirklichung. Ich entscheide mich bewusst für eine Sache. Das heißt nicht umsonst “Entscheidungsfreiheit” oder “Freier Wille“. Nach Philip Clayton entwickelt und vervollkommnet sich die Willensfreiheit in dem Maße, wie sich das Individuum menschlich vervollkommnet, also selbstverwirklicht. Je weiter ich auf dem Weg der Selbstverwirklichung einher schreite, desto größer ist meine Entscheidungsfreiheit und damit auch meine Freiheit allgemein.

Ein weiteres Beispiel sind die Smartphones. Lange wehrte ich mich gegen ein Handy. Ich wollte nicht überall erreichbar sein. Das fühlte sich für mich unfrei an. Erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts legte ich mir ein Handy zu. Das hing mit meiner Berufstätigkeit zusammen, für die ich auch unterwegs vielfach erreichbar sein musste. Meinerseits wieder eine bewusste und damit freie Entscheidung. Ich hätte ja auch die Berufstätigkeit ändern können. Heute verfüge ich natürlich über ein Smartphone, obwohl die ständige Überwachung damit einher geht. Google weiß wahrscheinlich mehr über mich, als ich selbst. Wieder eine bewusste freie Entscheidung. Ich beschloss, dass es mir egal ist, was Google weiß.

Und Corona zeigte uns, wie ohne Smartphone fast nichts mehr ging, weil ich überall den darauf gespeicherten QR- Code vorzeigen musste. Den gab es zwar auch analog, aber das war umständlicher. Aus dieser Erfahrung heraus bin ich der Meinung, dass es ein Recht auf analoge Freiheit geben sollte, also auch ein Recht auf Handyfreiheit. Doch es ist eine Illusion zu glauben, dass der Staat dieses Recht schaffen wird, sind ihm die möglichen Überwachungen durch die digitale Welt doch lieb und teuer.

Wenn ich an den Vorschlag denke, das Bargeld abzuschaffen, bin ich sehr skeptisch. Dann wird das Bezahlen mit dem Handy wohl normal, und ich kann es nicht einfach beim Einkauf zu Hause liegen lassen. Es kann gespeichert werden, wo ich wann zu welchem Preis einkaufte. Skeptisch bin ich auch, weil heute schon mal die Kreditkartenzahlungen nicht funktionieren oder auch Banken den elektronischen Zahlungsweg immer wieder einmal blockieren. Allerdings ist mir durchaus bewusst, dass ich gegen eine politische Entscheidung, das Bargeld abzuschaffen, nichts machen kann. Nur jetzt, im Vorfeld, ist es mir möglich, dagegen zu protestieren und zu argumentieren. Doch was passiert mit meinem Freiheitsgefühl, wenn ich mich gegen solche freiheitseinschränkende Entscheidungen nicht wehren kann? Ich kann ihnen weder entfliehen (jüdisch) noch durch meine Selbstverwirklichung entgehen, weil der Staat oder die EU an dieser Stelle meine Entscheidungsfreiheit einschränken, ja sie untersagen.

Zu den Lieben gehören

So bin ich zu den Kynikern gekommen. Sie wissen nicht, was das für Leute sind? Lesen Sie www.gocynic.com. Bei ihnen dreht sich alles um Parrhesia. Das ist die einzige Tugend und bedeutet, die Wahrheit über sich sagen und sie leben. Es heißt nicht, nicht zu lügen, sondern es bedeutet, sich zu zeigen, sich selbst zu verwirklichen. Das ist der Weg der Kyniker zu Eudamonia, einem glücklichen Leben.

Die Kyniker sagen, dass der Mensch frei ist, wenn er zu den Lieben gehört. Wir sollen uns alle mit Menschen umgeben, die uns lieben und die wir lieben. In der Liebe sind wir frei. Das zeigen uns deutlich die Kinder. Dort, wo sie geliebt werden und sich geliebt fühlen, testen sie Grenzen aus und gehen auch darüber hinweg, provozieren und zeigen unangebrachte Verhaltensweisen. Sie wissen, dass sie geliebt werden. So fühlen sie sich frei. Natürlich sind wir unter den Lieben auch geschützt.

Das Freiheitsgefühl hat viel mit dem Weg zur Freiheit zu tun. Bei mir begann es mit der Flucht aus der Unfreiheit (sinnbildlich) über die Bewusstmachung zur Selbstverwirklichung hin zu den Lieben. Ja, ich fühle mich frei und bin damit glücklich. Wie schon einmal gesagt: Kein Staat dieser Welt kann dem Individuum Freiheit geben. Das können wir Menschen nur selbst tun. Deshalb ist die Behauptung, die Ukraine würde unsere, also auch meine, Freiheit verteidigen, einfach nur unwahr und sogar lächerlich. Sie verteidigt ihr Staatsgebiet und ihre Werte, zu denen auch der Nazi Bandera gehört. Von solchen Werten distanziere ich mich in aller meiner Freiheit. Deshalb ist der Ukrainekrieg auch nicht mein Krieg und sollte auch nicht unser Krieg sein.