
Insbesondere jüngere Leute in Deutschland schreien völlig undifferenziert heute “kulturelle Aneignung” und meinen dieses negativ, ablehnend.
Ich kann diesen negativ intendierten Schreien nicht folgen. Wenn schon die Begrifflichkeit “kulturelle Aneignung” undiferenziert benutzt wird, dann sollte sie von jeglichen negativen Attributen befreit sein. Wir leben seit Jahrhunderten, ja seit Jahrtausenden mit kultureller Aneignung. Nur hatte es niemand so benannt, weil es ganz normal war, dass die Menschen unterschiedlicher Kulturen voneinander lernten und sich austauschten. So schreiben wir heute arabische Ziffern und übernahmen von den Arabern die “Null”. Niemand schreit im Mathematikunterricht nach “kultureller Aneignung”, was auch im heutigen Konsens des Begriffes natürlich falsch wäre. Genauso falsch ist es, bei jemandem, der Rastalocken trägt, weil er es schön findet und/ oder die afrikanische Kultur liebt oder Teile dieser Kultur, “kulturelle Aneignung” zu schreien. Rastalockenfrisuren gab es schon im Mittelalter in Deutschland, als Schwarzafrika noch gar nicht weiter im Bewusstsein der Menschen eine Rolle spielte.
Der Ursprung des Begriffes “kulturelle Aneignung”
Worum geht es bei der Verwendung des Begriffes “kulturelle Aneignung”?
Es ging los in den 70-er Jahren in der angelsächsischen Kultur. Das Cambridge Dictionary definiert kulturelle Aneignung als das Verwenden von Dingen einer Kultur, die nicht deine eigene ist, ohne zu zeigen, dass du diese Kultur verstehst oder respektierst. Es war vor allem eine Reaktion auf die Situation der farbigen Bevölkerung in den USA, deren Musik zum Beispiel von weißen Musikern übernommen wurde, ohne die farbigen Ursprungsschöpfer dieser Musik an den durch die Musik erzielten Profiten zu beteiligen.
Heute spielt es bei den verurteilenden Rufen nach kultureller Aneignung überhaupt keine Rolle mehr: das Verstehen und das Respektieren. Es wird nur noch das Ausnutzen unterstellt. Woher wollen die Rufer wissen, dass ein Rastalockenträger zum Beispiel afrikanische Kulturen nicht verstehr oder respektiert? Er nutzt die Afrikaner auch nicht aus. Ich liebe Afrika, West- wie Ostafrika. Und ich trage gern die Armreifen aus zwei afrikanischen Staaten, Mali und Kenia, in denen ich lebte. Ich trage auch gern meine Grandbubus und meine beiden in Kenia geschneiderten Kleider in Europa. Das wäre nach Meinung der vor allem jugendlichen “kulturelle Aneignung” schreienden Menschen im Westen zu verurteilen. Genau diese undifferenzierten Rufe lehne ich ab. Sie führen dazu, dass kultureller Austausch nicht mehr stattfindet, diffamieren ihn sogar und werten letztlich die ausbeutende kulturelle Aneignung ab.
Kultureller Austausch
Der Kommunikationswissenschaftler Richard A. Rogers definiert kulturellen Austausch als eine Form der kulturellen Aneignung mit positiven Aspekten, die bei den vielen Schreihälsen “kulturelle Aneignung” vollkommen untergehen. Es ist der gegenseitige Austausch zwischen Symbolen, Artefakten, Ritualen, Genres und/ oder Technologien zwischen Kulturen, die über gleich viel Macht verfügen (lt. Wikipedia). Das fügte bei Wikipedia jemand ein, ohne dieses “gleich viel Macht” näher zu definieren.
Ich finde schon, dass die afrikanische Kultur nicht nur über gleich viel Macht verfügt wie die westliche, sondern sogar über mehr Macht. Sie ist vielfältiger als die westliche Kultur und erreicht die Menschen viel umfassender.
Der Deutschlandfunk machte in Kenia einen Film mit deutschen Entwicklungsgeldern, um nach eigener Aussage die Filmindustrie in Kenia zu begründen. Dabei hat Kenia schon lange eine eigene Filmindustrie. Insoweit ist das Anliegen des deutschen Keniafilms eine Herabwürdigung der Kultur in diesem Land und in ganz Afrika, weil durch die Entwicklungshilfe in westlichen Augen auf niedriges Niveau gedrückt. Der größte Filmproduzent der Welt ist Nollywood in Nigeria. Sie produzieren mehr Filme als Hollywood. Nur uns in Europa zeigen die Verantwortlichen das nicht, weder im Fernsehen noch im Kino. Dabei wäre das wirklicher kultureller Austausch, den der Westen immer noch unterbindet. Ich habe das Gefühl, dass es darum geht, kein “West”geld für afrikanische Filmkultur zu bezahlen wie auch für die afrikanische Musikkultur. Das ist kulturelle Unterdrückung und verhindert kulturellen Austausch.
Kulturelle Herrschaft
Der Westen verfügt über mehr kulturelle Herrschaft als Afrika. Und ich denke, dass dies in dem oben verlinkten Wikipediaartikel gemeint ist: Herrschaft. Der Westen hat die kulturelle Herrschaft, afrikanische Kultur zum eigenen Profit auszunutzen, also afrikanische Musik zu einem Hit zu machen und den afrikanischen Ursprungsschöpfer dieser Musik nicht am Gewinn zu beteiligen, weil der Westen über die Herrschaft über das Geld weltweit verfügt. Das nenne ich allerdings nicht kulturelle Aneignung, sondern kulturelle Ausbeutung. Dafür bedarf es keines extra Begriffes, zumal die kulturelle Aneignung nach Rogers durchaus auch positiv zu deuten ist, was die westlichen Schreier nicht sehen und nicht akzeptieren und dadurch die Negativität der kulturellen Ausbeutung herabmindern.
Kulturelle Aneignung, die als Synonym für kulturelle Ausbeutung Verwendung findet, verniedlicht die negativen Auswirkungen der Ausbeutung und macht diese unschärfer. Das führt zu einer fehlenden Grenze. Und zwar Grenze zwischen kultureller Ausbeutung, die auf Herrschaft beruht, und kulturellem Austausch, der im positiven Sinn auf Neugier beruht.
Indianer in den USA haben kulturelle Macht
So haben auch die Indianer in den USA durchaus kulturelle Macht. Doch sie sind nach wie vor unterdrückt und verfügen nicht über die Herrschaft, kulturelle Ausbeutung zu verhindern und einen gleichberechtigten kulturellen Austausch mit den Weißen pflegen zu können. Deshalb sehe ich es auch nicht negativ, wenn Deutsche zum Fasching als Indianer verkleidet gehen. Das macht aufmerksam auf die Situation der Indianer in den USA, was durchaus positiv ist. Menschen werden erstmals achtsam und informieren sich. Das ist gut und jedenfalls besser, als im negativen Sinne “kulturelle Aneignung” zu schreien. Das Verkleiden stärkt die Indianer in den USA heute und gibt ihnen mehr Macht, um kulturellen Austausch pflegen zu können.
In Sausalito bei San Franzisco kaufte ich vor 15 Jahren ein Sandbild eines indianischen Navachokünstlers in einem Geschäft, das ausschließlich solche Bilder anbot. Die Verkäuferin war eine Weiße und sie versicherte mir, dass das Geld, bis auf einen geringen Prozentsatz für den Vertrieb, dem Künstler im Reservat zukommt.
Ich konnte nur ein kleines Bild kaufen wegen der Abmaße meines Koffers für den Rückflug. Es symbolisiert Sicherheit und hängt bei mir zu Hause neben meiner Wohnungseingangstür. Kulturellen Austausch gibt es also auch schon zwischen Indianern und Weißen in den USA. Es könnte natürlich wesentlich mehr sein. Doch deswegen bei Indianerkostümen oder Karl May “kulturelle Aneignung” mit seiner negativen Intention zu schreien, ist verkehrt. Viele Menschen wurden durch Karl May zur Neugier angeregt, sich über die wirklichen Indianer heute und gestern zu informieren. Wer sich dafür weiter interessiert als bei Karl May, sollte Lieselotte Welskopf Henrich lesen: “Die Söhne der großen Bärin” oder “Das Blut des Adlers“.
Modebegriff kulturelle Aneignung
Heute wird die Begrifflichkeit “kulturelle Aneignung” besonders von jungen Menschen sehr unreflektiert benutzt. Das beste Beispiel dafür war die Ortsgruppe Hannover der Fridays for Future Bewegung (FFF) und die Meinung der Bundesebene dieser Bewegung zur Ausladung der Musikerin Ronja Maltzahn, weil sie Rastalocken trägt. Das war ja nach Meinung von FFF ganz klar kulturelle Aneignung, wobei kulturelle Aneignung im negativen Sinn als etwas Verbotenes anzusehen ist. Haben sie etwa die Musikerin gefragt, ob sie afrikanische Kultur achtet und respektiert, vielleicht sogar mag? Nach meiner Kenntnis nein. Aber unisono verurteilte FFF die Künstlerin.
Deshalb fühlte sich die FFF Ortsgruppe Kleve bemüßigt, dazu ein öffentliches Statement abzugeben, indem sie dieses Verhalten in Hannover kritisierten. Es steht ganz sicher im krassen Gegensatz zur Auffassung der FFF Bewegung allgemein, die Diskriminierungen durch die Klimapolitik ablehnt. Offenbar nur auf die Klimapolitik bezogen, weil das Ausladen der Musikerin selbstverständlich eine Diskriminierung darstellt. Doch das Verhalten in Hannover zeigt eins ganz deutlich: Die Begrifflichkeit der kulturellen Aneignung verstehen sie überhaupt nicht. Sie ist zu einer negativ verurteilenden Aussage geworden. Der Mainstream nutzt sie einfach so, ohne weiter darüber nachzudenken oder zu diskutieren. So ist kulturelle Aneignung ein negativ intendierter Modebegriff zumindest in Deutschland. Die Menschen merken nicht einmal mehr, dass sie durch diese ausschließlich negative Intention die immer noch vorhandene kulturelle Ausbeutung herabsetzen und so weiter salonfähig machen.
Deutschland und kulturelle Ausbeutung
Das ist übrigens vor allem in Deutschland der Fall. Das Land, das meint, den Rassismus überwunden zu haben, obwohl es immer noch rassistisch ist, stärkt genau diesen Rassismus durch die negative Unterlegung des Begriffes “kulturelle Aneignung” weiter. Das Modewort kulturelle Aneignung ist ein rassistisch verbrämter Begriff, der echten kulturellen Austausch unterbindet. Der Panafrikanische Kongress in Kenia fordert fairen Handel statt Entwicklungshilfe und ökonomische Ausbeutung. Gleiches gilt für die Kultur: Fairer kultureller Austausch statt Entwicklungshilfe und kulturelle Ausbeutung. Das Modewort kulturelle Aneignung dient zumindest im deutschen Sprachraum dem Ziel der weiteren Ausbeutung anderer Kulturen statt diese zu beenden, weil es den kulturellen Austausch diffamiert.