
Der Schneewittchenzauber entfaltet sich immer noch beim Leser, Vorleser oder Zuhörer. Das Märchen stammt wohl im deutschsprachigen Raum ursprünglich aus Hessen. Die Gebrüder Grimm zeichneten es erstmals in ihrer Märchensammlung 1812 auf. Es hieß, wie überliefert, zunächst “Schneeweißchen”. Allerdings führte der Titel des Buches “Kinder- und Hausmärchen” zu der unrichtigen Auffassung, die Märchen wären für Kinder geschrieben. So kitisierten Zeitgenossen der Gebrüder Grimm ihre Erstausgabe, dass die Erzählungen kindgerechter sein müssten. Daraufhin überarbeiteten die Verfasser ihre Märchensammlung und aus Schneeweißchen wurde Schneewittchen, wahrscheinlich auch wegen der Bezeichnungsnähe zum Märchen “Schneeweißchen und Rosenrot”. Die Erzählung gestalteten die Gebrüder Grimm kindgerechter und entfernten vorher vorhandene sexuelle Bezüge fast vollständig. Geblieben ist die Verbindung von Schönheit und Liebe und Schönheit und Güte.
Ursprung des Schneewittchenzaubers
Schneewittchen gab es wirklich. Das Märchen entstand wohl als “Schneeweißchen” im deutschen Sprachraum im 17. Jahrhundert im Spätmittelalter in Hessen.
Schneewittchen hat gelebt. Sie war eine wunderschöne, hessische Grafentochter, geboren 1533 mit Namen Margarethe von Waldeck, . Sie hatte eine Stiefmutter und starb im Alter von 21 Jahren angeblich vergiftet. Die zittrige Schrift ihres Testaments kann auf eine Arsenvergiftung hindeuten. Die sieben Zwerge sind der Hinweis auf kleine Kinder, die mit 5-10 Jahren im Bergwerk gearbeitet und im Kupferbergwerksdorf Bergfreiheit gelebt haben, das sich heute Schneewittchendorf nennt.
Doch auch Lohr am Main nennt sich Schneewittchenstadt und verweist auf eine im 18. Jahrhundert lebende Tochter eines Oberamtmanns, ebenfalls eine Margarethe, mit Stiefmutter, Bergwerk mit Kinderarbeit in der Nachbarschaft und der Spessart als dunkler und gefährlicher Wald, Lohr als Stadt der Glas- und Spiegelherstellung.
Ebenso sieht sich das Siebengebirge am Rhein in Bezug auf das Märchen Schneewittchen. Dort soll eine Freifrau im 18. Jahrhundert gelebt haben, die als Schneewittchen in Frage kommt.
Schneewittchen in der Volkskunde
Allerdings ist Schneewittchen kein ursprünglich deutsches Märchen, sondern kam in die deutsche Erzählgemeinschaft ziemlich sicher im 17. Jahrhundert über Frankreich und dessen Feenliteratur, ein Strang weist auch nach Italien (siehe Ulrike Kindl). Märchen sind niemals national zu verorten. Die meisten Volksmärchen in Europa entstanden im Spätmittelalter. Erzähler trugen sie von Ort zu Ort, da ein Großteil der Menschen nicht lesen und schreiben konnte. Dabei passten die Erzähler ihre Geschichten den örtlichen Gegebenheiten an, um die Zuhörerschaft besonders zu fesseln.
Das Erscheinen der Ursprungserzählung im 17. Jahrhundert in Deutschland weist auf die Beschreibung der Geschichte der Margarethe von Waldeck hin. Die übrigen angeführten Schneewittchenfrauen lebten erst im 18. Jahrhundert, was auf eine spätere Anpassung des Märchens an die dortigen Gegebenheiten hindeutet.
Märchen ohne Nationalität
Die Volksmärchen im Mittelalter in Europa entstanden, um alte Weisheiten versteckt vor der Kirche mit ihrer mörderischen Inquisition weiter zu geben. Die Verfasser nutzten durchaus auch Vorlagen aus anderen Teilen der Welt, die entsprechend angepasst sind. Darin besteht der Schneewittchenzauber. Darauf deuten die verdeckten Botschaften des Märchens Schneewittchen hin. Interessanterweise besorgte die Aufklärung weiter das Geschäft der Kirche, indem sie den Volksmärchen jeden Realitätsbezug absprach, was bis heute nachwirkt. Lessing erschuf seine Fabeln, welche die damalige Realität widerspiegelten, aber nicht uraltes Wissen. Erst durch die Romantiker, die selbst wie Novalis Kunstmärchen schrieben, gewannen alte Weisheiten in Märchen wieder an Bedeutung.
Volksmärchen beruhen durchaus auf wahren Begebenheiten und es besteht eine wichtige Relevanz bis heute: Jeder Zuhörer und Leser kann aus den Geschichten lernen und Schlussfolgerungen für seine Persönlichkeitsentwicklung ziehen, bewusst und unbewusst.
Es ist nicht verwunderlich, dass der Bezug auf das Märchen Schneewittchen an unterschiedlichen Orten zu unterschiedlichen Zeiten zu finden ist. Hier Ulrike Kindl, Volkskundlerin und Professorin an der Universität Ca´ Foscari in Venedig: „Märchen und Sagen sind nie national. Dem Märchen ist die Idee eines nationalen Schreibens völlig fremd. Denn Märchen sind ubiquitäre Konstrukte, also Sequenzen, die in jeder Sprache, in jedem Land, in jeder Zeit neu an die Gegebenheiten einer Erzählgemeinschaft oikotypisiert, also angepasst, wurden.“
So ist es nicht verwunderlich, dass wir Schneewittchenmärchen in der ganzen Welt finden.
Schneewittchenzauber für Erwachsene
Ich betone immer wieder, dass Märchen für Erwachsene geschrieben wurden und werden. In der Zeit ihrer Entstehung konnte der größte Teil der Menschen weder lesen noch schreiben. Die Märchen dienten als Erzählungen, um wahre Begebenheiten auf interessante Art und Weise weiter zu geben und alte Weisheiten zu vermitteln. Sie sind Kindern in ihrer Vielfalt der Aussagen nahezubringen, ohne die Grundaussagen zu verfälschen. So wird im deutschen Märchen Schneewittchen die Geschichte der schönen Margarethe weitergegeben, verbunden mit Hinweisen auf Kinderarbeit im Bergwerk, die Initiation eines Mädchens zur Frau, Liebe über den Tod hinaus, Thematisierung der Angst vorm Alter und der Todesangst. An anderen Orten wandelten die Erzähler das Märchen ab in Bezug auf eine junge Frau an diesen Orten.
Heute erleben wir in den Disneyverfilmungen von Schneewittchen, dass ursprünglich wichtige Aussagen, auch für unser Leben heute wichtige Aussagen, dem jeweiligen Wokismus angepasst sind oder werden. Damit geht der Schneewittchenzauber verloren. Unbewusst empfinden die Menschen das. So lehnen eine Vielzahl deutscher erwachsener Märchenfreunde in Gesamtdeutschland aktuelle Märchenverfilmungen ab und greifen immer wieder auf die alten Verfilmungen der DEFA zurück. Meistens können sie nicht artikulieren, warum das so ist, sind doch die Neuverfilmungen technisch viel raffinierter gemacht. Doch unser Unterbewusstsein registriert die Veränderungen der Aussagen auch dann, wenn wir selbst sprachlos sind an der Stelle. So wirkt viel Märchensymbolik unbewusst, was die Schöpfer von Kunstmärchen wie Novalis oder Hans Christian Andersen auch zu spirituellen Künstlern macht, anders als die Autoren von Kurzgeschichten.
Schneewittchenzauber in den Farben
Immer wieder finden wir die Diskussion, ob der Wunsch der Königin ein Kind war mit weißer Haut, roten Lippen und schwarzen Haaren. Im deutschsprachigen Raum mit Menschen weißer Hautfarbe und ihrem Schönheitsideal ist das naheliegend. Doch im Märchen gibt es darauf keinen Hinweis.
Der Schneewittchenzauber drückt etwas anderes aus. Die Farben und ihre Abfolge beschreiben eher den weiblichen Initiationsweg vom Mädchen zur Frau bis hin zu einer alten Weisen und finden sich in vielen Märchen wieder. Weiß steht für das liebe artige unschuldige Mädchen, rot für die junge wilde Frau, die Verantwortung nicht nur für das eigene Leben, sondern auch für das Leben ihrer Kinder übernehmen muss und übernimmt, schwarz bezeichnet die Weisheit, zu der eine Frau nur findet, wenn sie die Phasen weiß und rot wirklich durchlaufen hat und aus diesem Erfahrungsschatz schöpfen kann. Es handelt sich um eine alte Weisheit, die nicht mehr zu vermitteln ist, wenn der Erzähler oder Film z.B. die Farben vertauscht.
Schneewittchenzauber verflogen oder psychologisch fehlinterpretiert
jedenfalls nach meiner Erkenntnis:
Das Verlangen nach den Innereien
Ursprünglich verlangte die Königin nicht nach Schneewittchens Herz, sondern nach Leber und Lunge. Als der Jäger als Beweis für Schneewittchens Tod die Innereien eines Ebers zurückbrachte, verspeiste die Königin diese. Bei Disney will die Königin das Herz haben.
Die Lunge symbolisiert emotional die Freiheit und spirituell Energie und Aggression. Die Leber gilt seit der Antike als Ort der Seele und des Wohlbefindens. Sie schenkt die Lebensenergie. Rein funktional bildet sie die Ausgangsprodukte für die Sexualhormone. Das Essen von Leber und Lunge symbolisiert so das Verhindern wollen der Entwicklung des unschuldigen Mädchens hin zu einer wilden (roten) Frau. Der Initiationsweg soll unvollendet bleiben.
In der Disneyverfilmung verlangt die Königin nach dem Herz des Mädchens. Das ist heute das Symbol der Liebe. Deshalb zweifelt kaum jemand daran, dass diese Erzählung die ursprüngliche ist, weil die Stiefmutterkönigin gefühlskalt beschrieben wird und so das Herz als Pfand logisch erscheint. Durch diese Veränderung verhindert Disney die Weitergabe der alten Weisheit über die Initiation der Mädchen zur Frau und letztlich zur alten Weisen. Es verhindert, dass Frauen weise werden, weil das Wissen über die notwendige Initiation verloren ist.
Der Mundkuss
Hinzu kommt, dass Schneewittchen nicht durch den Kuss eines Prinzen zum Leben erweckt wurde, sondern dadurch, dass ihr das vergiftete Apfelstück aus dem Mund fiel.
Spirituell geht die Erzählung, dass die Frau dem Mann durch den Mundkuss ihre Energie weitergibt. Das erfolgt freiwillig aus Liebe oder erzwungenermaßen durch den Mann. Das Erwecken durch einen Mundkuss im Märchen führt zum Erwachen der Frau, entzieht ihr aber ohne ihr Wissen die für ihren Initiationsweg notwendige Energie. Disney sorgt auch hier für einen Abbruch der weiblichen Initiation.
Liebe über den Tod hinaus
Immer wieder bleibt die Frage unbeantwortet, was der Prinz mit dem toten Mädchen oder der toten jungen Frau will. Die Moderne zumindest wohl in Deutschland kommt gar nicht auf die Idee einer tiefen Liebe über den Tod hinaus, deren Symbol wir hier finden können.
In Portugal ist diese Liebe im Volksgedächtnis verewigt. Eine wahre Geschichte aus dem 14. Jahrhundert um König Pedro und seine heimlich geheiratete Frau Ines, seine große verbotene Liebe, geht so: Als Pedro König wurde, holte er Ines Leiche aus dem Kloster und setzte sie neben sich in voller Pracht auf den Thron.
Narzissmus statt Initiation
In der Psychoanalyse des Märchens werden häufig beide Königinnen als narzisstisch dargestellt. Die Mutter von Schneewittchen als narzisstisch zu bezeichnen, wertet den Initiationsweg des Mädchens hin zur alten Weisen ab. Ich sehe die Mutter auf dem Initiationsweg, den sie auch der Tochter wünscht. Das hat nichts mit Narzissmus zu tun. Die narzisstische Interpretation wertet den weiblichen Initiationsweg ab. Das Sitzen im Fenster mit schwarzem Ebenholzrahmen interpretieren heute viele Psychoanalytiker als Verengung. Ich sehe es eher als Rahmen für die Konzentration auf die Initiation.
Die Stiefmutterkönigin wird ebenfalls als narzisstisch bezeichnet. Sie ist sicher im Märchen überzeichnet. Ich sehe in ihr symbolisiert die Angst vor dem Älterwerden und vor dem Tod. Beides sind Ängste, welche die moderne westliche Gesellschaft bestimmen. Die Herrschenden nutzen sie gezielt für Panikmache unter den Menschen, siehe Klimadiskussion, Corona oder Krieg. Panische ängstliche Menschen lassen sich leichter beherrschen. Meiner Meinung nach kommt es deshalb zu solchen psychologischen Fehlinterpretationen, um eine Auseinandersetzung mit dem Älterwerden und dem Tod zu verhindern, Todesangst in der Breite der Gesellschaft zu überwinden.
Die Stiefmutterkönigin muss im Originalmärchen sterben wie wir alle irgendwann. Doch sie stirbt in Panik und Angst in glühenden Schuhen und nicht in seelischem Frieden. Auch hier geht der Schneewittchenzauber verloren. Das passiert schon im DEFA Film, der die Stiefmutter nur davonlaufen lässt.
Dieser kurze Abriss erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es gibt noch mehr symbolische Weisheiten zu entdecken. Ich möchte lediglich zum Nachdenken über Märchen anregen.