Übersetzungszauber

Der Übersetzungszauber ergibt sich durch eine eigene literarische Leistung der Übersetzer.

Übersetzungszauber soll nichts anderes bedeuten, als dass jeder Literaturübersetzung ein Zauber innewohnt. Der Übersetzungszauber ergibt sich durch eine eigene literarische Leistung der Übersetzer.

Als ich auf Grund einer Empfehlung den Roman “Diamantendynastie” von Sidney Sheldon in deutscher Übersetzung las, war ich von dem Buch tatsächlich positiv verzaubert. Ich kaufte daraufhin verschiedene andere Bücher von diesem Autor, die mich mehr oder weniger ansprachen. Meine äußerst belesene älteste Tochter ging dann gleich nach dem Abitur nach Kalifornien, wo sie auch heute noch mit ihrer Familie lebt. Sie studierte dort Business Management und belegte zusätzlich einen Studienkurs in Englisch- Amerikanischer Literatur, weil sie sich die englischsprachige Literatur erschließen wollte.

Als ich sie nach einem Jahr 1999 besuchte, ergab sich ein Gespräch über die amerikanische Gegenwartsliteratur. Ich kannte eigentlich nur Stenbeck, Cooper, Hemingway, Poe usw., also alles Schriftsteller der Vergangenheit, und auch nicht im Original, sondern in deutscher Übersetzung, und eben Sidney Sheldon. Zu Letzterem meinte meine Tochter nur sehr lakonisch, ich sollte mich für die Qualität der Bücher bei den Übersetzern bedanken. Im englischen Original wären sie alle in einer eher einfachen, um nicht zu sagen primitiven, Sprache geschrieben und deshalb für einen anspruchsvollen Leser langweilig, was auch auf andere Schriftsteller im englischen Original zutreffen würde. Später las ich dann auch mal etwas auf englisch und verstand meine Tochter.

Novalis zum Übersetzungszauber

Schon der Romantiker Novalis, Schriftsteller und Philosoph, Jurist und Bergbauingenieur, und einer der bedeutendsten Schriftsteller der deutschen Romantik Ende des 18. Jahrhunderts bis 1801, der unter anderem wundervolle Aphorismen hinterließ, äußerte sich zu Literaturübersetzungen und dem Übersetzungszauber. Ich will ihn hier zitieren, weil ich es selbst nicht prägnanter ausdrücken kann:

“Eine Übersetzung ist entweder grammatisch, oder verändernd, oder mythisch. Mythische Übersetzungen sind Übersetzungen im höchsten Stil. Sie stellen den reinen, vollendeten Charakter des individuellen Kunstwerks dar. Sie geben uns nicht das wirkliche Kunstwerk, sondern das Ideal desselben. Noch existiert wie ich glaube, kein ganzes Muster derselben. Im Geist mancher Kritiken und Beschreibungen von Kunstwerken trifft man aber helle Spuren davon. Es gehört ein Kopf dazu, in dem sich poetischer Geist und philosophischer Geist in ihrer ganzen Fülle durchdrungen haben. Die griechische Mythologie ist zum Teil eine solche Übersetzung einer Nationalreligion. Auch die moderne Madonna ist ein solcher Mythos.

Grammatiche Übersetzungen sind die Übersetzungen im gewöhnlichen Sinn. Sie erfordern sehr viel Gelehrsamkeit, aber nur diskursive Fähigkeiten.

Zu den verändernden Übersetzungen gehört, wenn sie echt sein sollen, der höchste poetische Geist. Sie fallen leicht ins Travestieren, wie Bürgers Homer in Jamben, Popens Homer, die Französischen Übersetzungen insgesamt. Der wahre Übersetzer dieser Art muss in der Tat der Künstler selbst sein, und die Idee des Ganzen beliebig so oder so geben können. Er muss der Dichter des Dichters sein und ihn also nach seiner und des Dichters eigner Idee zugleich reden lassen können. In einem ähnlichen Verhältnisse steht der Genius der Menschheit mit jedem einzelnen Menschen.

Nicht nur Bücher, alles kann auf diese drei Arten übersetzt werden.”

Novalis zeig deutlich auf: Der Übersetzungszauber ergibt sich durch eine eigene literarische Leistung der Übersetzer

Die romantische Übersetzungsphilosophie

Der wirkliche Übersetzungszauber entstand erst in der Zeit der Romantik, als Schlegel, Novalis und andere die rein rationalen Aussagen auch zu Übersetzungen der Aufklärung ersetzten durch eine ästhetische Betrachtung hin zu einem relativistischen Anspruch. Damit wurde die aufklärerische Nachahmung in ausländischer Sprache, heute würden wir sagen, die wortgetreue Übersetzung, ersetzt durch eine Verfremdung mit originellem Geist. Das macht in der Gegenwart jede überzeugende Übersetzung von Literatur zu einem eigenständigen Originalkunstwerk mit eigener Individualität. Das wiederum kann nur durch eine Verfremdung der Sprachstrukturen erreicht werden. Aus einem Brief an A. W. Schlegel stammt die berühmte Äußerung von Novalis: „Übersetzen ist so gut dichten als eigne Werke zustande bringen – und schwerer, seltener. Am Ende ist alle Poesie Übersetzung.

Der Mut zur Lücke

Schriftsteller schreiben in der Regel ihre Werke in ihrer Muttersprache. Jede Literatur ist einzigartig durch die Sprache, in der sie entsteht. Würde der Autor in einer anderen Sprache schreiben, entsteht ein anderes Werk, weil besondere Ausdrücke eben nicht wortgetreu übersetzt werden können, soll ihre Ursprungsaussage unverfälscht wiedergegeben werden. Wir verdanken den Romantikern die Erkenntnis dass für eine Literaturübersetzung immer ein tiefes Verständnis der vom Ursprungsautor gewollten Aussagen notwendig ist. Daraus resultiert dann auch, dass jede Übersetzung unvollständig bleibt, weil in der anderen Sprache nicht alles ausgedrückt werden kann, was ausgedrückt werden müsste. Daraus entsteht dann auch der eigentliche Übersetzungszauber. “Mut zur Lücke” gilt nicht nur im modernen Management oder in der Feng Shui Raumgestaltung, sondern ebenfalls für Literaturübersetzungen.

Heute wird den Übersetzern viel zu wenig Beachtung und Ehrerbietung entgegengebracht. Wenn wir spannende Thriller von Tom Clancy oder Clive Cussler in deutscher Sprache lesen, dann sollten wir auch nachsehen, wer das jeweilige Werk übersetzt hat und bei neuen Büchern auch mal den Übersetzer im Internet recherchieren. Auch diese Poeten freuen sich über ein Lob.

Literaturübersetzung und KI

Heute gibt es verschiedene durchaus sehr gute Übersetzungsprogramme, die uns das Leben im Urlaub oder überhaupt im Ausland und das Recherchieren von Fremdsprachentexten im Internet erleichtern. Doch wer hat schon einmal ein Sprichwort übersetzen lassen? Das geht fehl! Alle Übersetzungsprogramme übersetzen grammatisch. Und ein Sprichwort lässt sich grammatisch nicht übersetzen. Hier muss der Übersetzer den Sinn erfassen und dann versuchen, diesen Sinn in die Fremdsprache zu kleiden. Und dsselbe gilt für Literaturübersetzungen.Es gibt noch keine KI, die sich in die poetische Gedankenwelt eines Autors hineinversetzen kann. Alle bisherigen Übersetzungsprogramme können keine kulturellen Unterschiede erkennen und sie dann entsprechend in die übersetzte Sprache kleiden, keine Emotionalität ausdrücken, die auch von kultureller Unterschiedlichkeit geprägt sein kann, und Zweideutigkeiten erkennen, welche in der Literatur häufig das Besondere Aussagen. Ich denke hier an Fontanes “Effie Briest”, wo eine handfeste Affaire geschildert wird, die wiederum überhaupt nicht in klarer Sprache ausgedrückt ist. Eine schriftstellerische Meisterleistung, wie ich finde. Um das in eine Fremdsprache zu übersetzen, gilt: Der Übersetzungszauber ergibt sich durch eine eigene literarische Leistung der Übersetzer

Heute werden nicht nur schriftstellerische Original von den Verbreitern der KI Systheme unter Bruch des Copyright geklaut, kopiert und ohne ein Entgelt genutzt, sondern auch Übersetzungen. Die KI hat deshalb unter Künstlern keinen guten Ruf, weil sie um ihre Einnahmen betrogen werden. Für mein Dafürhalten ist das bisher geltende Copyright nicht mehr lange zu halten. Wir benötigen eine andere Art und Weise der Bezahlung von Künstlern, damit sie ihren Lebensunterhalt sichern können. Ich denke hier an ein auskömmliches Bedingungsloses Grundeinkommen, wie von Prof. Werner entwickelt. Es würde auch die Künstler freier und sicher noch schöpferischer machen.